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Vor 100 Jahren ermordet: Jelisaweta Fjodorowna

Ihre Herkunft ist ihr Todesurteil: Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna (1864–1918), die ältere Schwester der letzten russischen Zarin Alexandra, wurde vor 100 Jahren zusammen mit der Zarenfamilie von den Bolschewiki ermordet. Sie betet bis zuletzt. „Du lieber Gott, vergib ihnen, denn sie wissen wirklich nicht, was sie tun!“

Fjodorowna wird gefesselt zusammen mit ihrer Dienerin Warwara Jakowlewa, vier jungen Prinzen aus der Romanow-Familie und einem Hofbeamten in einen 30 Meter tiefen Grubenschacht eines stillgelegten Bergwerks nahe der westsibirischen Stadt Alapajewsk hinuntergestoßen. Die Täter werfen Handgranaten, trockenes Holz und eine brennende Fackel hinterher. Das Leiden dauert Tage. Dennoch singt und betet die sterbende Großfürstin weiter. Bauern der Umgebung berichten, dass die letzten Psalmen und Lieder erst nach drei Tagen aus der Tiefe verstummt seien, als der Schacht zugeschüttet wurde.

Warum diese Brutalität? Wenige Stunden zuvor, in der Nacht auf den 17. Juli 1918, hatten Tschekisten im Keller eines Wohnhauses in Jekaterinburg den letzten russischen Zaren Nikolai, die Zarin Alexandra, ihre fünf Kinder, außerdem den Leibarzt der Zarenfamilie, Koch, Kammerdiener und Zimmermädchen erschossen und teilweise mit Bajonetten erstochen. „Die ganze Prozedur dauerte 20 Minuten“, schreibt später der Geheimpolizist Jakow Jurowski.

In Russland herrscht ein blutiger Bürgerkrieg. Auf der einen Seite stehen die Bolschewiki, radikale Sozialisten, die unter der Führung von Lenin die „Diktatur des Proletariats“ installieren wollen – auf der anderen Seite die so genannten Weißen, also zarentreue Anhänger der alten Ordnung.

Anfang 1918 hatten die Bolschewiki zwar Frieden mit Deutschland geschlossen, doch nun rückten „weiße“ Armeen überall vor, auch in Sibirien. Der Druck wächst. Und die „Roten“ stehen vor der Alternative: Entweder bringen die Revolutionäre die Zarenfamilie an einen anderen Ort – oder sie vernichten sie. Lenin entscheidet sich für die Vernichtung. Schließlich wollte er, wie sein damaliger Mitstreiter Leo Trotzki später schreibt, „den Weißen kein lebendes Symbol hinterlassen, um das sie sich sammeln könnten“.

Doch wer war jene Großfürstin, die mitsterben musste? Jelisaweta wird als Prinzessin Elisabeth Alexandra Luise Alice Prinzessin von Hessen und bei Rhein geboren. Ihre Familie nennt sie schlicht Ella. Elisabeth gilt als schönste Prinzessin Europas und hat viele Verehrer. Unter den abgewiesenen Bewerbern befindet sich kein geringerer als der spätere deutsche Kaiser Wilhelm II. Die Wahl der jungen Frau fällt jedoch aus Liebe auf den russischen Großfürsten Sergej Alexandrowitsch, einen jüngeren Bruder des Zaren Alexander III.

Die Hochzeit findet am 15. Juni 1884 statt. Elisabeth siedelt nach Russland über, lernt mit großem Eifer die russische Sprache, schließt sich der orthodoxen Kirche an und erhält den Namen Jelisaweta Fjodorowna.

So unbeliebt der Großfürst als Generalgouverneur von Moskau ist, so beliebt ist die Großfürstin. Schon zu Lebzeiten wird sie vom einfachen Volk wie eine Heilige verehrt und „große Matuschka“ genannt. Denn sie betreut Krankenhäuser, Waisen, ein Mädchengymnasium, die Blindengesellschaft und viele andere wohltätige Einrichtungen. Nachdem ihr Mann am 17. Februar 1905 durch die Bombe des linken Sozialrevolutionärs Kaljaew, eines Studenten, in Stücke gerissen worden war, widmet sie sich ganz der karitativen Tätigkeit. Als Alleinerbin ist Jelisaweta Fjodorowna die reichste aller Großfürstinnen.

Sie verkauft ihren Besitz, erwirbt einen Hof in Moskau mit vier Gebäuden und einem großen Garten entlang der Bolschaja Ordynka am Südufer der Moskwa und gründet dort im Februar 1909 das Martha-Maria-Kloster der Barmherzigkeit. Dort betreuen Ordensschwestern Arme, Kranke, Kriegsversehrte und Waisen. „Ich verlasse die glänzende Welt, aber gemeinsam mit Ihnen allen erhebe ich mich in eine höhere Welt, in die Welt der Armen und Leidenden“, erklärt die Ordensstifterin.

1909 beträgt die Zahl der Schwestern 30. Im Jahr 1914 beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist der Konvent auf 97 Schwestern angewachsen, 1918 zählt die Gemeinschaft sogar 105 Schwestern. Von ihnen hat allerdings nur ein kleiner Teil das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt. Wie „modern“ Jelisaweta Fjodorowna denkt, zeigt sich auch daran, dass dieses Gelübde durchaus auch auf Zeit abgelegt und eine Schwester wieder austreten und heiraten kann. In diesem Fall erhält sie vom Konvent eine Aussteuer.

Zum Kloster gehören ein Krankenhaus, in dem Bedürftige kostenlos behandelt werden, eine Apotheke, ein Waisenhaus sowie eine Bibliothek. An die Außenmauer des Klosters bringen die Nonnen einen Briefkasten an, in den jeder einen Zettel mit der Bitte um Hilfe einwerfen kann. Im Laufe eines Jahres bekommen die Nonnen über 12.000 solcher Bitten.

Mit der Machtergreifung der Bolschewiki beginnt der Terror gegen das Kloster und die Großfürstin. Nach der Oktoberrevolution hat sie mehrfach die Gelegenheit, sich ins Ausland abzusetzen. Auch Kaiser Wilhelm II. bemüht sich wieder um seine Jugendliebe, aber Jelisaweta Fjodorowna lehnt jedes Angebot ab.

Im Mai 1918 erscheint ein Kommando, das die Äbtissin verhaftet. Alle weinen, nur sie selbst nicht. Begleitet wird sie von Warwara Jakowlewa. Man bringt die Frauen in die Stadt Alapajewsk. In der Nacht des 18. Juli werden die Gefangenen in das Bergwerk Nishnjaja Selimskaja gebracht. Sie werden durch Gewehrkolbenschläge schwer verletzt und lebendig in einen Schacht gestürzt. Später wird eine weißgardistische Untersuchungskommission feststellen, dass der Kopf eines der getöteten jungen Männer sorgfältig mit dem Kopftuch der Großfürstin verbunden war, die offenbar trotz ihrer eigenen tödlichen Verletzungen noch versucht hatte, die Not ihres Leidensgenossen zu lindern.

Als mit dem Ende der Sowjetunion 1991 in Russland auch die Kirchenverfolgungen enden, werden die noch erhaltenen Gebäude des Martha-Maria-Klosters der orthodoxen Kirche zurückgegeben und ab 1994 der Konvent wieder in Betrieb genommen. Heute gibt es im Kloster ein Waisenhaus für Mädchen, einen kostenlosen Speisen-Ausschank und einen Pflegedienst, in dem rund 100 Schwestern tätig sind. Jelisaweta Fjodorowna lebt!

Der Text erschien zuerst auf EMMA.

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