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Nicht alle Russen heißen Wladimir

„Der Russe steht vor der Tür“, hieß es zu Zeiten des Kalten Krieges. Und er hatte keine guten Absichten. Heute kursieren wieder entsprechende Ausdrücke. Wieder geht es gegen „den Russen“.

Ich habe eine Zeit lang in Russland gelebt, habe ab 1999 in Moskau an der Staatlichen Lomonossow-Universität Russische Philologie studiert. Nach dem Studium habe ich ein Jahr lang bei der Moskauer Deutschen Zeitung gearbeitet. Es war eine intensive Zeit, die mich Russland, seine Menschen, die Literatur, Kultur und vor allem Sprache lieben und immer wieder besuchen lassen.

Die westliche Russland-Berichterstattung empfinde ich als extrem einseitig. Es kommen nur schlechte Nachrichten aus Russland. Russland wird zum Inbegriff von Bedrohung und zum Synonym Russlands wurde Wladimir Putin. Doch dieses Russland-Bild entspricht nicht der Realität. Achtsamkeit, regionale Kenntnisse in Verbindung mit Empathie – Fehlanzeige! Stattdessen nehmen Klischees und Stereotype einen großen Teil der Berichterstattung über Russland ein, am liebsten schreiben Journalisten über den Zustand der russischen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, über Pressefreiheit und Menschenrechte.

Mich stört, wenn der Westen ständig mit erhobenem Zeigefinger auf Russland zeigt. Nach dem Motto: Wir sind die Guten, ihr seid die Schlechten. Sicherlich haben es zum Beispiel Homosexuelle in Russland schwer. Aber das ist kein Grund zur Selbstgerechtigkeit. Die mussten auch in Deutschland jahrzehntelang für ihre Rechte kämpfen. Es leben heute noch Menschen in Deutschland, die wegen ihrer Sexualität vor nicht allzu langer Zeit festgenommen, verhaftet und verurteilt worden sind.

Und aus russischer Sicht? „Die Propaganda kommt nicht mehr aus Russland, sondern aus dem Westen. Es ist die Angst vor einem erstarkenden Russland“, platzt es aus meiner Freundin Zlata Karlova aus Moskau heraus. „Früher habe ich BBC, CNN, Bloomberg und Euronews geschaut. Diese Kanäle meide ich jetzt. Denn sie hetzen nur noch gegen Russland“, klagt Zlata. „Übrigens nehmen sie ihre Informationen aus unseren unabhängigen Medien wie dem Radiosender Echo Moskwy und dem Fernsehsender Dozhd. Ich halte diese Kanäle für unprofessionell, sie zeigen eine verzerrte Realität“, sagt Zlata.

Die Präsidentschaftswahl hat Wladimir Putin am 18. März mit knapp 77 Prozent der Stimmen gewonnen. Ohne Frage hat der Druck aus dem Westen dazu beigetragen, dass Putin so viele Stimmen erhalten hat. „Sogar die Intelligenzija, ja, sogar Moskau hat für Putin gestimmt. Das ist beispiellos, und der Westen hat dies mit seinen Sanktionen und seiner Russophobie selbst zu verantworten“, meint Zlata Karlova.

Seit Wladimir Putin im Jahr 2000 das Amt des Präsidenten übernahm, ist der Lebensstandard der meisten Russen gestiegen. Das Land erholte sich im Vergleich zu den 1990er Jahren wirtschaftlich, die Armut schwand, eine Mittelschicht entstand.

Gleichzeitig ist im europäisch-russischen und deutsch-russischen Verhältnis viel schief gelaufen. Stichwort: Ukraine-Konflikt und Wiedereingliederung der Krim in die Russische Föderation. Die gegenseitigen Wirtschaftssanktionen aber schaden allen Beteiligten. Wichtig wäre eine Entspannungspolitik auf Augenhöhe.

Wir Deutschen, wir WestlerInnen dürfen Russland nicht aus Europa hinausdrängen, meine ich. Das ist gefährlich für den Frieden, fürchte ich. Deutschland hat meiner Meinung nach eine ganz besondere Verpflichtung, sich um einen friedlichen Dialog mit Russland zu bemühen. Schließlich war es Deutschland, das bislang zweimal einen Krieg gegen die Russen begonnen hat. Und im letzten Weltkrieg starben über 25 Millionen Menschen auf sowjetischer Seite.

Der Text erschien in EMMA 2/2018.

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