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Ljudmila Gurtschenko: Erwachsen in Stunden

Nur fünfeinhalb Jahre verbrachte ich „vor dem Krieg“ … So wenig!
„Krieg, Krieg, Krieg … Stalin, Russland … Faschismus, Hitler … UdSSR, Heimat“, so erklang es überall. Papa meldete sich als Freiwilliger an die Front. Ich blieb mit Mama in Charkow. Wir schafften es nicht, evakuiert zu werden.
Mama war 24 Jahre alt. Ohne Papa war sie zu nichts in der Lage, fürchtete sie sich vor allem. Als Papa an die Front ging, war sie wie verloren und weinte die ganze Zeit.
„Mark, was wird aus uns werden? Verlass uns nicht. – Ich habe solche Angst …“
Papa ging und nahm seine Harmonika mit, und mit sich nahm er seine schönsten Lieder, den strahlenden Feiertag – den 1. Mai, die beste Zeit meines Lebens. Die Zeit „vor dem Krieg“.
Am 24. Oktober 1941 zogen die Deutschen in Charkow ein. In der Stadt war alles wie ausgestorben. Nur auf der gepflasterten Klotschkowskaja-Straße rückten die deutschen Truppen vor, fuhren ihre Autos, Panzer, Geschütze. Es gab keinen Schuss, keinen Lärm. Es war überhaupt nicht zu spüren, dass Feinde einmarschierten. Wo war der Krieg?
Das begann alles noch, später.
Es begann damit, dass man alle Einwohner unseres Hauses, die nun im okkupierten Gebiet lebten, zusammentrommelte und ihnen befahl, auszuziehen. „Hier wird ein deutscher Truppenteil einquartiert.“ Unser Haus fiel auseinander, jeder geriet irgendwohin. Man verstreute uns auf verschiedene Wohnungen. Mama und ich zogen in ein viergeschossiges Haus in die vierte Etage. In der Wohnung war bereits eine Frau mit einem Kind. Das Mädchen hieß Soja. Sie saß den ganzen Tag „hinter Schloss und Riegel“. Von ihr hörte ich zum ersten Mal das deutsche Lied „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter …“ Sie sang im Zimmer, ich aber lauschte auf dem Flur und prägte mir das Lied ein …
Dann fiel Schnee. Nach und nach richtete sich der gesamte Organismus des Menschen auf eine einzige Wellenlänge aus: „Ich will essen, „wie und wo gibt es etwas zu essen“, „nicht verhungern“.
In jedem Haus hängten die Deutschen Bekanntmachungen aus. Darin hieß es, dass sich zu einer bestimmten Zeit alle Gesunden und Kranken mit den Kindern – unabhängig vom Alter – da und dort zu versammeln hätten. Bei Nichtbefolgen drohte Erschießen.
Der Hauptplatz für solche Ereignisse war der Blagowestschenski Basar. Hier hängten die Deutschen ihre Opfer auf, hier veranstalteten sie „Schau“-Hinrichtungen, Erschießungen.
Zu Hunderten strömten die Einwohner der Stadt aus allen Richtungen auf den Basar. Es bildete sich ein Kreis. Ganz vorne hatten unbedingt die Kinder zu sein, damit die Kleinen auch wirklich alles sahen – in erster Linie den hölzernen Galgen im Kreisinneren. An ihm hing die Schlinge. Auf dem Boden standen einige einfache Bänke oder lagen Holzkisten. Kinder müssen von klein auf wissen, dass man nicht stehlen und niemals brandstiften darf. Aber wenn du den Partisanen hilfst, dann schau nur hin, was dann geschieht …
Ich konnte es nicht ertragen, wie die Bank weggestoßen wurde und der Mensch hilflos zuckte … Das erste Mal verstand ich ja noch nichts. Ich schaute interessiert auf alles. Dann wurde mir zum Umfallen schlecht. Und dann hatte ich begriffen … und Angst vor einer Wiederholung. Ich grub mein Gesicht in Mamas Schoß. Aber plötzlich fühlte ich, wie etwas Kaltes und Hartes mein Kinn hochriss. Mit einer energischen Bewegung wurde mein Gesicht zum Galgen zurückgedreht. Schau hin! Merk dir das! Diese elegante biegsame Peitsche musste ich mir dann noch oft ansehen.
Damals war ich sechs. Ich nahm alles in mich auf und vergaß nichts. Ich hatte sogar zu weinen verlernt. Die Kraft reichte nicht dafür. Ich wuchs in dieser Zeit und wurde erwachsen nicht in Tagen, sondern in Stunden.
Mamas karge Erzählungen über die Okkupation prägten sich tief in mein Gedächtnis ein. Sie wurden zu meinen eigenen. Und heute, wenn ich erzähle, ertappe ich mich plötzlich dabei, wie ich genau mit Mutters Tonfall sage: „Ach, wissen Sie, im Winter 1942 war das schlimmste der Morgen. Nachts schläfst du. Aber am Morgen musst du wieder zu leben beginnen. Aber wie leben? Was essen? Womit heizen? Was trinken? Die Zapfstellen in der Stadt waren zugefroren. Die Wasserleitung zerstört. Das Wasser mussten wir aus einem Eisloch aus unserem Fluss, dem Lopan, holen. Schrecklich …“ Ja, es war wirklich schrecklich. Aber damals war das mein ganzes Leben. Das Vorkriegsleben – kurz und fröhlich – war zu Ende. Ein anderes hatte begonnen. Auch an das hatte ich mich schnell gewöhnt. Nie dachte ich darüber nach, ob unser Leben gut oder schlecht war. Ich kannte und erfüllte meine Verpflichtungen. Meine wichtigste Aufgabe war, Wasser heranzuschaffen.
Wenn ich mit meinen Eimern unsere Gasse hinunterging, sah ich schon von weitem eine endlose schwarze Schlange nach Wasser anstehen. Schwarz erschien sie mir auf dem weißen Schnee.
Vom Kopf bis zum Fuß vermummt, stehe ich in der Reihe. Nur meine Nase schaut heraus. Hände und Füße sind Eisklumpen, sobald man das Haus verlässt. Aber ich muss noch bis zum Eisloch. Muss anstehen …
Graue, düstere Gesichter der Leute in der Schlange. Kein einziges Wort fällt. Auch die Kinder schauen ernst vor sich hin. Und auch sie schweigen.
Ich aber möchte so gerne irgendetwas sprechen! Nur um den Hunger zu vergessen, nur um nicht einzuschlafen …
Anfangs schöpfte ich immer zwei volle Eimer. Eigentlich waren das zwei große Blechbüchsen. Oben war durch Löcher einige Mal Draht gezogen. Mir schnitt es davon fast die erfrorenen Hände ab. Aber ich musste unbedingt Wasser nach Hause bringen. Wie würde sich Mama freuen! Ich mache zehn Schritte und denke – ich kann nicht, ich schaffe es nicht. So beginne ich, ganz vorsichtig, ein bisschen auszugießen. Meine abgestorbenen Hände tragen diese verfluchten Eimer, und ich zähle die Schritte: „Papa ist an der Front, er hat es schwer … alle haben es schwer … Mama hat es schwer …“
Und plötzlich: „Einen Moment, Kind! Komm, komm her!“ Der Deutsche gibt mein Wasser seinem Pferd.
Wasser braucht man. Ich kehre um, zum Eisloch.
Im Sommer 1942 herrschte eine völlig andere Stimmung. Bombardements gab es zwar, aber selten. Man war daran gewöhnt. Über den Tod wurde nicht gesprochen. An den Winter wollte sich niemand erinnern.
Einmal gingen wir sogar ins Kino. Die Filme waren alle in deutscher Sprache. Über diesen Film aber wurde in der ganzen Stadt gesprochen: Schönheit, Liebe, man tanzt, singt, Krieg gibt es nicht, und gegessen wird so viel – so ein Leben wie im Traum! „Die Frau meiner Träume“. Ich war zum ersten Mal im Kino, hörte Musik, sah eine Schauspielerin, die sang und herrlich tanzte.
Nachts platzte meine Seele förmlich vom Klang dieser Musik, den neuen, seltsamen Harmonien. Das war neu für mich, völlig unbekannt … Aber ich begriff und bewältigte das Erlebte. Der Krieg muss bald aufhören, Papa muss bald zurückkommen.
Morgens beim Aufstehen war mein Entschluss endgültig: Wenn ich erwachsen bin, werde ich unbedingt Filmschauspielerin.
Im Herbst fuhr Mama wieder auf die Dörfer, Lebensmittel einzutauschen. Wir brauchten Wintervorrat. Im Schulgebäude war jetzt ein Lazarett. Der Zugang zum Gelände war mit Brettern vernagelt.
Der Winter 1942/43 ist in meinem Gedächtnis ein einziger schwarzer Fleck. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft an alles, nur Dunkel und dann ein Fetzen Licht. Als unweit Bomben explodierten, sagte Mama: „Herrgott, lass mit einem Schlag alles zu Ende sein. Ich habe keine Kraft mehr!“ Ich war gleichgültig.
Aus Erzählungen weiß ich, dass das eine schreckliche Zeit für Charkow war. Pausenlose Bombardements und pausenloser Beschuss. Die deutschen Lebensmittellager brannten. Aber die Leute saßen zu Hause – so schlimm war es. Nur die Verwegensten riskierten es …
Mama sagte, dass sie mich nur mit Schmorfleisch wieder auf die Beine gebracht hätte. Sie war ständig unter jenen, die alles riskierten. An den Geschmack des Fleisches kann ich mich nicht mehr erinnern.

15. Februar 1943. Die Rote Armee befreit Charkow zum ersten Mal.
„Das war bei den ‚ersten Deutschen‘“ – die Formulierung kennt jeder, der den Krieg in Charkow überlebte.
Die „ersten Deutschen“ waren für immer abgezogen. Es kamen Unsere. Aber der Kampf um die Stadt ging weiter. Die Deutschen hatten sich vor Charkow verschanzt. Die Unseren konnten die Stadt etwa zwei Wochen halten. Es kamen die „zweiten Deutschen“. Das waren Eliteeinheiten der SS. Das eiserne Stampfen der Stiefel, die abgehackte, bellende Sprache, die Uniform und besonders das schneidige „Heil“ – nichts ähnelte den „ersten Deutschen“.
Die „zweiten Deutschen“ verhängten die Sperrstunde. Wer sich nach sechs Uhr abends auf der Straße aufhielt, wurde auf der Stelle erschossen. Während der Okkupation gab es so viele Verordnungen und Befehle, dass die Vorsicht der Leute allmählich nachließ. Aber als nach dem Befehl über die Spreestunde schon am nächsten Morgen Tote auf der Straße lagen, war klar, dass die „zweiten Deutschen“ ihre Befehle ohne Verzug durchsetzten. Nach sechs Uhr abends war die Stadt nun ausgestorben. Nur vereinzelte Schüsse, nur die Stiefeleisen waren zu hören …
Die „zweiten Deutschen“ dachten sich immer neue Grausamkeiten aus. Beispielsweise Treibjagden. Sie veranstalteten sie an den belebtesten Plätzen, meistens aber auf dem Basar.
An solch einem belebten Ort schlossen sie dann zuerst ganz unauffällig einen Kreis. Plötzlich, auf Kommando, zogen sie die Schlinge zu, drängten die Leute von den Verkaufstischen weg, warfen die Waren auf die Erde. Mit Gewehrkolben stießen sie die Leute immer enger zusammen. Wenn der Kreis so eng wurde, dass schon keine Luft mehr zu kriegen war, dann öffneten die Deutschen eine Seite … Aber von der anderen ließen sie die Bluthunde los. Alle Schreie verschmolzen zu einem einzigen schrecklichen „Oooo!“
Diese verfluchten, klugen, dressierten Tiere wussten, was zu tun war. Sie trieben die Masse erschrockener und völlig verwirrter Menschen in eine bestimmte Richtung – zu den schwarzen, geschlossenen Autos, den „Vergasungswagen“. Sie füllten sich mit Menschen und fuhren ab. Die Glücklichen, die nicht mehr hineingepasst hatten, wurden entlassen.
Wir retteten uns vor dem Vergasungswagen. Als die Hunde die Massen trieben, stieß mich Mama kräftig in den Rücken. Ich fiel hin, und sie warf sich über mich. Alle liefen ganz nah an meinem Gesicht vorbei, sie stolperten über unsere Beine, schimpften, stürzten und rannten weiter. Als wir auch weiterliefen, presste Mama meine Hand schmerzhaft zusammen und keuchte im Laufen: „Hauptsache, wir kommen zu spät … hab keine Angst vor den Hunden … sie beißen nur die, die in Panik geraten. Davon stirbt man nicht, Hauptsache verspäten …“
Wir kamen zu spät. Aber ich sah noch ganz nah, wie schwarz und schrecklich es im fensterlosen Auto war. Wie die Leute dicht aneinandergepresst und mit angstverzerrten Gesichtern aus dem Auto schauten, wie sie zum letzten Male nach frischer Luft schnappten …
Während des Krieges sah ich täglich die verborgensten menschlichen Gefühle. Ich sah Augen, in denen Schreck und Todesangst, der Wunsch zu töten und das Glück, noch nicht tot zu sein, standen. Mit den Jahren hat alles Spuren in der Seele hinterlassen, die sich dann auf der Leinwand ausdrückten. Ich sah in meinem Leben ebensolche gequälten Frauen wie meine Maria im Film „Die Arbeitersiedlung“. Es gab viele, die sich äußerlich ebenso grob, beißend und wütend waren wie die Schura in „Der gemeinsame Weg“. Charakter, Kleidung, Sprache – alles stammt aus meiner Kriegskindheit.
Am 23. August 1943 befreite die Rote Armee unsere Stadt.
Die zweite Befreiung Charkows ist für mich verbunden mit dem Geschmack und dem Duft der Akazien. Von allen Seiten bestürmten die Charkower die Soldaten mit Sträußen aus rosa und weißen Akazien. Sie schmecken süß, vor allem die rosafarbenen. Ich weiß das genau. Wenn ich damals essen wollte, lutschte ich mit Vergnügen Akazien.
Sonnenschein und Akazienduft lagen über unserer befreiten Stadt. Mir gelang es, mit einem Panzer bis zum Zentrum mitzufahren, direkt auf der Kanone!

Ljudmila Gurtschenko: Meine erwachsene Kindheit

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