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Krone-Schmalz: Ignoranz des Westens rächt sich

Sie berichtete als erste Frau für die ARD aus Moskau und verfolgte Glasnost und Perestroika aus nächster Nähe. Heute kritisiert sie als Russland-Expertin die Berichterstattung über die russische Politik. Jetzt ist Gabriele Krone-Schmalz‘ neues Buch erschienen: Eiszeit. Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist. Darin werden die Zusammenhänge der internationalen Osteuropapolitik der letzten Jahrzehnte erklärt und Hintergründe beleuchtet.

Mehr Verständnis für Russland fordert Gabriele Krone-Schmalz. In der Tagespresse werden ihre Darstellungen heftig kritisiert. Aber Reinhard Veser, Redakteur bei der FAZ, räumt ein: „Sie (Krone-Schmalz) hat recht mit dem Hinweis, die russische Politik sei nur vor dem Hintergrund der für Westeuropäer kaum vorstellbaren Umwälzungen der vergangenen 25 Jahre zu verstehen.“ Tatsächlich ist die russische Geschichte seit dem Ende des Kalten Krieges vielschichtig. Dazu kommen antirussische Vorbehalte, die in Deutschland eine lange Tradition haben und durch zwei Weltkriege verfestigt wurden.

Der Kalte Krieg ist noch in den Köpfen
„Ich denke, dass die Dinge, die im Kalten Krieg verbreitet wurden, nicht mit dem Federstrich eines Vertrages weg sind. Das ist ja noch in den Köpfen. Das ist sicher etwas, das wir unterschätzen. Das Denken des Kalten Krieges ist nicht weg. (…) Aus welchem Grund auch immer ist Russland die Inkarnation des Bösen. Dagegen etwas zu sagen, damit sind Sie von vornherein out. Also müssen Sie sich dagegen wehren. Dazu braucht man Informationen, dazu braucht man Zeit. (…) Ich versuche, die fehlenden Geschichten zu erzählen.“

Mit Russland beschäftigt sich die mittlerweile 68-Jährige seit ihrem Studium. Kritiker sagen, sie sei ein Putin-Versteher. Gabriele Krone-Schmalz entgegnet, dass „Dinge zu verstehen, ja nicht bedeutet, dass man sich ihnen moralisch stellt. Es heißt lediglich, dass man Zusammenhänge begreift und durchschaut.“

Ausgestreckte Hände mehrfach ignoriert
Die ehemalige Korrespondentin macht deutlich: Der Westen habe sich in den vergangenen 25 Jahren gegenüber Russland höchst arrogant verhalten und jede Menge Chancen verspielt. Dabei habe sich im Zuge der Perestroika unter Generalsekretär Michail Gorbatschow eine große Öffnung vollzogen. „Man blickte voller Erwartung nach Westen“, schreibt Krone-Schmalz. Doch ausgestreckte Hände hätten NATO und EU regelmäßig ignoriert.

Den russischen Präsidenten Wladimir Putin charakterisiert die Journalistin als „intelligenten und disziplinierten Politiker“, der „durch und durch Patriot“ ist und während seiner ersten Amtszeit offen auf den Westen zugegangen sei.

„Außenpolitisch war der junge russische Präsident ohne Wenn und Aber westlich orientiert. Wladimir Putin hat in seiner ersten Amtszeit (2000 – 2004) entsprechende Signale in Serie gesandt. 2001, bei seinem Staatsbesuch in Deutschland, brachte er eine Freihandelszone von Wladiwostok bis Lissabon ins Gespräch und signalisierte die Bereitschaft, über einen russischen NATO-Beitritt zu sprechen. Noch 2008, am 5. Juni in seiner ‚Berliner Rede‘, schlug Präsident Medwedew eine ‚paneuropäische Sicherheitsarchitektur‘ vor, und 2010 erneuerte Putin in einem Gastbeitrag der ‚Süddeutschen Zeitung‘ seinen Vorschlag einer engen Wirtschaftskooperation zwischen Russland und der EU. Die Liste der russischen Initiativen ließe sich noch verlängern, doch auf eine substantielle Reaktion jenseits höflicher Floskeln wartete man in Moskau vergeblich.“

Die Ignoranz der Westmächte den Offerten Putins gegenüber sei fatal gewesen: „Das rächt sich jetzt.“

Erste Moskau-Korrespondentin der ARD
Gabriele Krone-Schmalz, geboren im Bayerischen Wald, studierte Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften und Slawistik, promovierte dann in Geschichte und Politikwissenschaften. Dass sie den journalistischen Weg eingeschlagen hat, verdankt sie auch ihrem weltoffenen Elternhaus in Köln. Dort lernte sie, wichtig Respekt im Umgang mit Menschen ist. Aber sie erklärt auch: „Ich wurde im Kalten Krieg erzogen, ich war neugierig, wollte herausfinden, was hinter dem Eisernen Vorhang passiert.“

Nach dem Studium war sie bis 1980 in verschiedenen Funktionen beim WDR tätig, arbeitete anschließend im ARD-Studio New York und war das Gesicht des TV-Politmagazins „Monitor“, bevor sie von 1987 bis 1991 als erste Auslandskorrespondentin der Sowjetunion für die ARD in Moskau war. „Es war die journalistisch und menschlich spannendste Zeit meines Lebens. Auch die arbeitsreichste. Wenn man das Glück hat, mit einzigem Wohnsitz in Moskau den Alltag einer weltweit spürbaren Umbruchsphase, wie sie die Jahre 1987 bis 1991 waren, hautnah mitzuerleben, dann hat man die Chance, ein für alle Mal zu lernen, dass der eigene Maßstab nicht der Maßstab aller Dinge ist.“

Während dieser fünf Jahre und bis heute zeichnet Gabriele Krone-Schmalz ein ganz anderes Bild von der Sowjetunion und Russland, das nicht immer der landläufigen Meinung entspricht. Durch ihre vielen intensiven Begegnungen versteht sie die Menschen in Russland.

Und wie geht es weiter mit Putin und dem Westen?
Vermutlich wie gehabt, denn „Vertrauen ist Misstrauen gewichen.“ Nicht zuletzt aufgrund der NATO-Osterweiterung. Wieder sind die westlichen Mächte verantwortlich, denn nach dem Fall des Eisernen Vorhangs habe man es „verpasst, Russland geopolitisch einzubeziehen.“ Die Folge: eine neue Eiszeit, die den Russen und ihrem Präsidenten nach den Worten von Gabriele Krone-Schmalz „nichts ausmacht.“

Gabriele Krone-Schmalz: Eiszeit. Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist. Verlag C.H. Beck, München 2017. 304 S., 16,95 €.

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